Bost Berlin
Parkinn Hotel Alexanderplatz, Berlin Leidenschaft, Höhenluft und ICE-Anschluß

Restaurant-Tip
Von Nikolas Rechenberg

Die Leipziger Gourmetszene liegt seit neuestem ganz nah der Hauptstadt. Heute fährt der Berliner in einer Stunde vom Hauptbahnhof nach Leipzig, kaum länger, als der Zehlendorfer zu einem Restaurant in Prenzlauer Berg braucht.

Der Spaß lohnt sich. Nicht nur wegen der drei WM-Spiele, die es ab heute abend noch in Leipzig gibt. Das "Falco" ist das ehrgeizigste Projekt in Ostdeutschland, das beste Restaurant des Ostens, nehmen wir mal eine Handvoll Berliner Sterne-Tempel aus. Permanent ausgebucht. Wer rein will, muss Tage vorher reservieren. Der Internet-Auftritt ist zuerst anregend. Der fotogene Chef Peter Maria Schnurr prangt auf der Titelseite des neuen "Gault Millau"-Magazins, Maître Ingo Sperling stammt aus dem Berliner Spitzenrestaurant "Margaux". Das junge Team bringt eine große Begeisterung mit.

Also rein in den ICE, rauf mit dem Expressaufzug in die 27. Etage des "Westin Leipzig", unweit des Hauptbahnhofs. Die Etage hat das Berliner Designbüro Bost umgebaut: mit einer entspannen Lounge, einer Bar und einem gläsernen Weinschrank mitten im Restaurant. Angenehm kühle violett-lila Töne herrschen vor, dunkles Holz, weiße Ledersessel, sehr puristisch. Der Blick über Leipzig ist geradezu verführerisch. Diese Reduzierung auf das Wesentliche zieht sich durch den Abend. Die Gläser stammen von Rosenthal, das Besteck ist von Robbe & Berking, das phänomenale Porzellan aus der Berliner Manufaktur Hering. Und auch die Speisenkarte ist ein Kunstwerk.

Schnurr, der mehrere Sterne-Küchen und den Berliner "Capital Club" hinter sich gelassen hat, kocht locker auf. Die Rondelle von der Entenleber mit geeister Netzmelone ist ein herrlich leichter Einstieg, trotz der Kalorien. Der Blauflossen-Thun "Leipzig-Tokyo" fährt diesen Weg sanft weiter. Der erste Höhepunkt ist der Langoustino "Annika Maria" mit Imperial-Speck. Es ist ein kulinarisches Erlebnis nicht nur wegen der geschmacklichen Harmonie, sondern auch wegen seinem zum Ambiente passenden Design - ein Gesamtkunstwerk auf Zwei-Sterne-Niveau.

Der Wolfsbarsch mit krosser Haut kommt in Meeresspinat und Dom-Perignon-Soße. Das Gericht fasziniert durch das brillante Säurespiel des Champagners, es klingt wie Meeresrauschen am Gaumen.

Leuchtende zwei Sterne, und wir wundern uns, warum das Restaurant nicht einmal den ersten Stern vom Michelin verliehen bekam.

Die Brust des Miral-Perlhuhns in Ton, gegart mit erstklassigen Pfifferlingen, ist von perfekter Fleischqualität. Die Toneinhüllung wird vor unseren Augen abgeschlagen, das Perlhuhn ist extrem saftig und aromatisch, das genaue Gegenteil der sonstigen Hühner-Einöde. De Rohmilchkäse von Bernard Antony sind der gelungene Abschluß: Ich kenne keine besseren Käse als die des Meisters aus dem Elsass.

Der Besuch des "Falco" ist natürlich nicht billig. Das Sieben-Gang Passion-Menü kostet 128 Euro, es kann aber beliebig gekürzt werden. Die Weinkarte ist auf Europa beschränkt, eine weise Entscheidung. Neben Bordeaux fährt sei sehr gute deutsche und österreichische Weine, die äußerst fair kalkuliert sind.

über allem steht das Motto des "Falco": "Die Vernünftigen halten nur durch, die Leidenschaftlichen leben." Raus aus dem Kiez, auf nach Leipzig! Wenn das Dessert zu lange braucht, fährt Sie Maître Sperling mit quietschenden Reifen zum Bahnhof. Er braucht bis kurz vors Gleis 11 genau 59 Sekunden.

Welt am Sonntag, 18.06.2006

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