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Das kleine Baiersbronn in der Pfalz |
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GENIESSEN IN DER REGION: Mit dem »Ketschauer Hof« erhält Deidesheim ein neues Ziel für Feinschmecker, in das acht Millionen Euro investiert wurden Deidesheim ist auf dem Weg zu einem Mini-Baiersbronn der Pfalz. Sicher, vom Sternen-Regen über der kulinarischen Schwarzwald-Hochburg darf man nur träumen. Aber als linksrheinisches Gourmet-Mekka hat sich die pittoreske Weinstraßen-Gemeinde an der Mittelhaardt längst etabliert. Ihr gastronomischer Aufstieg begann mit der »Kanne«, dann setzte ihn der »Deidesheimer Hof« fort, und nun gibt ihm der »Ketschauer Hof« neuen Schub. Er ist zwar noch keinen Monat alt, aber dieser Komplex mit dem Feinschmecker-Lokal »Freundstück« zählt schon jetzt zu den interessantesten Neueröffnungen in der Region seit Jahren. Der Neustädter Unternehmer Achim Niederberger hat sich hier eine Vision verwirklicht. Acht Millionen Euro investierte Niederberger, der mit Sportwerbung begann und heute über 1000 Mitarbeiter beschäftigt, in den Umbau des ehemaligen Anwesens der angesehenen Weingutsfamilie von Bassermann-Jordan. Unter den Argusaugen des Denkmalschutzes plante der Berliner Star-Designer Tassilo Bost ein modern gestyltes Ambiente, das sich harmonisch ins historische Gemäuer einfügt. Perfekt durchdacht ist alles bis ins kleinste Detail. Sogar die Toiletten. »Es sind die schönsten, die ich je entworfen habe«, sagt Bost. Die Szenerie ist paradiesisch: Gleich links hinter dem Eingang steht das Herrenhaus der Winzerfamilie, das Franz Wilhelm Rabaliatti zwischen 1770 und 1772 baute, jener kurpfälzische Hofarchitekt, der auch die Mannheimer Jesuitenkirche vollendet hat. Im kommenden Jahr soll die Villa zu einem kleinen Fünf-Sterne-Hotel umgestaltet werden. Rechts befindet sich das Kelterhaus, in dem jetzt größere Gruppen feiern können. Im ehemaligen Pferdestall ist die Wein-Bar mit eigener Küche untergebracht, der Kuhstall beherbergt das elegante Restaurant »Freundstück«, benannt nach der renommierten Riesling-Lage in Forst. Daneben gibt es noch Zigarren-Lounges, zwei Terrassen, einen kleinen Park und einen High-Tech-Weinkeller im tiefen Gewölbe. Das ist Erlebnis-Gastronomie vom feinsten. In den früheren Ställen tragen noch die alten Sandstein-Säulen das Kreuzgewölbe. Man ahnt, wo die Tröge standen, doch dort, wo einst das Vieh fraß, herrscht heute gediegene Lebensart. Die Fußböden sind aus dunkler Eiche oder kühlem Marmor, darauf stehen bequeme Ledersessel, das edle Makassarholz an den Wänden fusioniert mit Glas und Metall. Sämtliche Lampen hat Designer Bost exklusiv entworfen. Das »Freundstück« ist in zwei Räume geteilt, von einem kann man durch Glas einen Blick auf die Küche werfen. Hier herrscht Küchenmeister Alexander Hess, der auch noch als Geschäftsführer fungiert. Der erst 32-Jährige wird dabei von seiner Partnerin Christiane Kressa unterstützt, die als Eventmanagerin den Hof vermarktet. Hess hat im »Nassauer Hof« in Wiesbaden gearbeitet, bei Lothar Eiermann im »Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe« und unter Harald Wohlfahrt in der »Traube Tonbach«. Zuletzt kochte er in den Vorstandsetagen diverser Konzerne. »Für uns ist der ‚Ketschauer Hof’ mehr als ein Sechser im Lotto«, sagt Christiane Kressa. Und Hess macht kein Hehl daraus, dass Deidesheim für ihn eine große Chance ist: »Der gastronomische Ruf des Ortes macht es uns leichter, in einem unbekannten Ort hätten wir ganz von vorn anfangen müssen.« Hess bevorzugt eine klare, puristische Küchen-Linie. »Das Produkt soll immer im Vordergrund stehen«, sagt der junge Herdkünstler. Wir empfinden es als angenehm, dass vor dem eigentlichen Amuse-bouche leckeres Brot mit einem spanischen und einem sizilianischen Olivenöl gereicht wird, dazu vier Salzsorten zum Bestreuen: Fleur de Sel, Himalaya-Salz, eine mit Tomaten-, die andere mit Thymian-Geschmack. Was auffällt, ist das moderne Teller-Design. Fast geometrisch streng, zum Teil in mehreren Gefäßen, sind die Gerichte angeordnet. Mediterrane Frische zeichnet den Salat von Taschenkrebs mit geröstetem Blumenkohl und Jakobsmuschel aus, ebenso den marinierten Kalbstafelspitz- mit Artischocken und Sommertrüffeln. Tadellos ist die Qualität der Produkte. Das gilt für den geangelten Wolfsbarsch mit Artischockenragout ebenso wie für die exzellente Variation vom Poltinger Lamm mit gebackener Zucchiniblüte und mildem Knoblauchpüree: Alle Lamm-Bestandteile - Karree, Schulter, Filet und Bries auf Ragout - sind auf den Punkt genau gegart. Zum Abschluss setzen die Desserts das Tüpfelchen aufs i: Variation von weißer Valrhona-Schokolade mit Rosengelee und Aprikosenkonfit oder gebranntes Quarktörtchen mit Creme von der Pampelmuse mit geeistem Melonensüppchen. Weinbar und Terrasse locken mit preiswerten Gerichten, etwa toskanischem Brotsalat und Garnelen, Rinderrückensteak sowie Panna Cotta mit Pflaumenkompott. Den Superlativ aber bilden die würdigen Tropfen. Im Weingut Dr. von Bassermann-Jordan schlummert der grüßte private Weinschatz Deutschlands: Hier lagern 12000 alte Flaschen, die bis zum Jahrhundert-Jahrgang von 1811 zurückreichen. Sommelière Sybille Herbst bietet aber vor allem eine stattliche Zahl fair kalkulierter Flaschen nicht nur aus dem eigenen Hause an. Zahlreiche Spitzen-Winzer aus der Pfalz zählt die Weinkarte auf. Und wem das noch nicht reicht: Gutsbesitzer Achim Niederberger hat seinen privaten Keller durchforstet und einige Hochkaräter aus Bordeaux und Burgund beigesteuert.
Mannheimer Morgen, 05.08.2006 |
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