Bost Berlin
Parkinn Hotel Alexanderplatz, Berlin Lomi-Lomi auf der Anricht

Ein Massagetisch mitten in der Suite – geht das? Aber ja, meint Tassilo Bost und zauberte ein bißchen. Dann zauberte er noch ein bißchen mehr, und jetzt können Hauptstadtbesucher direkt in der City Wellnessurlaub machen.

Von Claudia Reinert

Wenn der Gast umgeben von weißem Marmor den Toilettendeckel hebt, grüßt es freundlich aus dem Klosett: Frisch gezupfte Kamillenblüten schwimmen in blauem Spülwasser. Das ist auch schon der einzige Gag, den sich Tassilo Bost in den neuen Spa-Suiten des Westin Grand erlaubt hat. Denn der Innenarchitekt will hier nur eins: Ruhe. Ruhe für gestresste Kosmopoliten.

Ruhe und Berlin – das passt zusammen wie Schampus und Currywurst. Bost ist die Vereinigung dennoch mit stilsicherem Händchen geglückt. Modern, aber nicht modernistisch, elegant, aber keineswegs steif sind die fünf Wellness-Suiten geworden. »Keine Aufregung fürs Auge«, so Bosts Motto bei der Gestaltung. »Wenn man Gimmicks und Farbigkeit weglässt, kann man den Gast zur Ruhe bringen«, erklärt der Designer. Zwei, drei Farben und nur wenige verschiedene Materialien, so sah das Rezept für die fünf Spa-Suiten aus. Ergebnis: Hier ein zartes Lindgrün, dort ein Hauch von Flieder. Stoff in Verbindung mit viel Palisanderholz und seiner charismatischen Struktur schaffen Wohlfühlatmosphäre.

Mitten im Herzen der Hauptstadt, an der turbulenten Friedrichstraße, wurde dem abgenutzten Begriff »Wellnessoase« auf diese Weise neues Leben eingehaucht. Ob tibetische Honigmassage oder Maniküre, ein Bad in der Sprudelwanne oder eine Tropendusche, ein Portiönchen Yellow Fin Tuna oder lieber ein Kännchen Fitnesstee – wer in eine der Spa-Suiten eincheckt, kann in den eigenen vier Wänden Wellnessurlaub machen und es sich so richtig gut gehen lassen. Was Landhotels wie die Spreewälder Bleiche im großen Stil praktizieren – dort gibt es zwölf Spa-Suiten mit Großfamilienwanne, Dampfbad, Sauna und/oder Hammam – ist für Städtereisende hierzulande jedoch eine Rarität. »Wir bieten als erstes Berliner Fünf-Sterne-Hotel Zimmer an, deren Einrichtung und Serviceleistungen sich komplett auf Erholung von Körper und Geist konzentrieren«, betont Pressesprecherin Andrea Bishara.

Multifunktionalität

Herzstück jeder Spa-Suite ist ein ausgetüfteltes Möbel, das zwischen Bad und Wohnbereich steht. So wird die dekorativ von innen beleuchtete Anrichte aus Palisander bei Bedarf zum Massagetisch ausgeklappt. »Das Bad braucht einen Ruheraum«, erläutert Tassilo Bost die Hintergründe der Planung. »Das ist unser Wohnzimmer.« Denn aufgeklappt verbindet der Massagetisch das Bad mit dem Wohnbereich, der dadurch plötzlich zum Ruheraum wird. Zusammengeklappt verwandelt er den Ruheraum wieder in ein Wohnzimmer. Damit Trick 17 funktioniert, wurde zwischen Bad und Wohnbereich eine semitransparente Glasschiebetür installiert, die komplett in der Wand versenkt werden kann.

Wichtig war auch, dass die Atmosphäre stimmt, gleich ob der Raum als Wohnzimmer oder als Ruhezone nach einer Lomi-Lomi-Massage genutzt wird. Auch deshalb handelt es sich bei der Liege nicht um eine Folterbank, wie sie mobile Masseurdienste gern im Schlepptau haben, sondern um ein kommodes Zauberstück. Und neben Sessel und Sofa laden auch kubische, streichelweiche Lederpolster in Cremeweiß zum Fläzen ein. Sie wurden nach Bosts Entwürfen von der Firma Walter Knoll mit Sitz in Herrenberg gefertigt. »Wir wollten weg von normalen Hotelmöbeln«, betont Tassilo Bost. So ziemlich alles, was man auf den 70 Quadratmetern anfassen oder nutzen kann, ließ er maßschneidern, von den Leuchten bis zum Waschtisch.

Ein Wellness-Schmankerl ist auch das Duschsystem »Rain-Sky« – so der poetische Name des guten Stücks von Dornbracht. Es umhüllt den Duschenden entweder in feinen Nebel oder lässt ihn einen Tropenguß erleben. Effekte, die der Gast ganz nach Gusto durch eine Licht- und Aromatherapie ergänzen kann.

In den neuen Spa-Suiten rieselt nicht nur das Wasser, sondern auch die Luft. Wellness und Klimaanlagen sind bekanntlich natürlich Feinde, wenn man nicht gerade mit dem dicken Fell von US-Amerikanern ausgestattet ist. Doch ohne Aircondition geht’s freilich auch nicht, wenn am Eingang fünf Sterne kleben und unterm Fenster Berlins Hauptverkehrsader rauscht. »Ion-Air« lautete die Lösung, die technische Innovation einer Schweizer Firma, die hierzulande erstmalig in den Westin Hotels in Dresden, Leipzig und Berlin zum Einsatz kommt. Dahinter verbirgt sich eine Luftkühldecke, die weder Zug noch Geräusche verursacht. Statt dessen rieselt die gekühlte Luft aus der Decke und zirkuliert sofort. Weiterer Vorteil: Die Luft ist nicht trocken, Halsbonbons und Augentropfen können beim Apotheker bleiben. Das gute Klima gibt es allerdings nicht für lau. »Die Kosten liegen etwa beim zehn- bis 15fachen einer normalen Klimaanlage, aber dafür ist der Energieverbrauch wesentlich geringer«, hat Bost kalkuliert.

Tropenpflanzen an der Leuchtdecke

Das Bad, das die Hauptrolle in den Spa-Suiten spielt, wartet jeweils mit einer Sprudelwanne in der Raummitte auf. Während man sich im Bulgari-parfümierten Schaumbad aalt, kann man den Himmel über Berlin, Normal Fosters Reichstagskuppel oder Harald Schmidt auf dem Flachbildschirm über der Wanne genießen. Für warmes Licht sorgt eine Leuchtbilddecke im Bad, auf der abstrakte Tropenpflanzen sprießen – Fotos, die verfremdet wurden. Die Pflanzenbilder, die auf der Glasschiebewand zwischen Bad und Wohnraum wieder auftauchen, verleihen dem Ambiente einen asiatischen Touch, ohne in Fernost-Folklore zu schwelgen.

Im Schlafzimmer findet sich ein alter Westin-Bekannter: das »Heavenly Bed« – mit rückenfreundlicher Matratze, sehr leichter Daunendecke, fünf Sorten Kissen und besonders zartem Bettuch. Eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich die General Manager diverser Westin Hotels & Resorts vor einigen Jahren geeinigt haben. Starwood hatte die Direktoren in einen New Yorker Ballsaal zum Probeliegen in über 50 Betten geladen. Auf der Basis ihres Feedbacks wurde das ultimative Bett entwickelt. In den Spa-Suiten steht es nun in 2,10 Metern Überlänge und zwei Metern Breite.

Bequem haben es die Gäste der Spa-Suiten auch, wenn sie zum Schwimmen oder Schwitzen in den öffentlichen Wellnessbereich des Hotels möchten, denn dies ist auf kürzestem Weg möglich: Alle Spa-Suiten liegen vis-à-vis vom Bademantel-Lift, direkt übereinander in den Stockwerken zwei bis sechs.

Die entsprechenden Gebäudeteile wurden dazu bei laufendem Hotelbetrieb komplett entkernt. Ein kostspieliges Unterfangen: Rund eine Viertel Million Euro hat Westin in jede Spa-Suite investiert. »Wir wollten uns von den Mitbewerbern abheben und etwas Neues präsentieren«, sagt Gabriele Maessen, die das Berliner Luxusdomizil als Co-Direktorin leitet.

Um die Suiten zu promoten – die Rack Rate beträgt 930 Euro – hat sie eine spezielles Arrangement initiiert: Für 1322 Euro gibt es zwei Übernachtungen inklusive Limousinentransfer, Massage, Vital-Frühstück und leichtem Abendmenü im Hotel-Restaurant. Hardliner gönnen sich lieber etwas auf der Wellness-Zimmerservice-Karte: Zu Beginn gibt es einen schönen Löwenzahnsalat, später dann ein kleines Limettensorbet.

TopHotel, 9/2006

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